Arbeitseinsatz am NFH

... beim Laubrechen sind alle gleich ...

Rüsselsheimer Echo vom 14.11.2016 Mareike Stich:

Zweimal im Jahr ist Großreinemachen bei den Rüsselsheimer Naturfreunden. Neben den Vereinsmitgliedern war eine zweite Gruppe zum Putzdienst angetreten.

Viel Laub gibt es aufzusammeln am Rüsselsheimer Naturfreundehaus beim großen Herbstputz. Gleich mehrere Helfer sind auf dem großen Gelände rund um das Vereinsheim mit einem Rechen in der Hand unterwegs.

So auch der Algerier Radhwane Boutemine. Seit einem Jahr ist er in Deutschland. Er besucht regelmäßig das Willkommenscafé der Naturfreunde. Ihm geht es nicht so gut, vor drei Monaten wurde sein Asylantrag abgelehnt, all das erzählt der junge Mann, der nun nicht weiß, wie es mit ihm weitergeht, auf deutsch.
Almamar Yousef recht ebenfalls Laub. Er ist jetzt ein Jahr und drei Monate in Deutschland. Der Asylantrag des Syrers aus Aleppo wurde anerkannt. Viele Anträge musste er stellen, viel Zeit verstrich bei jedem Antrag. Nun hofft er, dass bald sein Deutschkurs losgeht. Ein wenig hat auch er schon bei privat initiiertem Unterricht gelernt. Im Hasengrund lebt er zusammen mit sechs weiteren Männern in einer Dreizimmerwohnung. Da gefalle es ihm gut, sagt er, Probleme gebe es nur selten. Die Menschen in Deutschland seien sehr hilfsbereit, ergänzt er noch, und das Wetter sei kein Problem. Wenn die Einstellung stimmt, macht auch das schlechte Wetter nichts, ist seine Überzeugung.

Ein Polizist aus Pakistan

Sajid Ahmed – auch seine Tätigkeit am Samstag früh ist Laubräumen – kam 2011 als Flüchtling aus Pakistan, lange vor dem großen Flüchtlingsstrom. Nach zwei Monaten in Gießen landete er in Rüsselsheim. So schnell wie möglich begann der ehemalige Polizist einen Deutschkurs, schon im Oktober 2012 bekam er eine Stelle als Büroassistent in Riedstadt-Goddelau, 2015 wurde ihm betriebsbedingt gekündigt. Seitdem ist er arbeitslos, nimmt aber an einer Qualifizierungsmaßnahme teil.

Im März 2013 konnten seine Frau und die beiden Söhne Hasnat Sajid (11) und Mahad (10) nachziehen. Die beiden Jungs besuchten die Immanuel-KantSchule und kämen sehr gut im Unterricht mit, erzählt der stolze Vater. Was auch prompt von einer Naturfreundin bestätigt wird. Kinder von Freunden seien in derselben Schule und hätten erzählt, dass die beiden die meisten anderen Schüler in die Tasche stecken würden. Der Ältere spiele mittlerweile auch Hockey beim RRK. Seine Frau habe in der Heimat als Grundschullehrerin gearbeitet, hier kümmere sie sich um Haushalt und Kinder. „Für mich als ehemaligen

Polizisten ist es einfach hier in Deutschland“, sagt er schmunzelnd, denn er beherrsche die drei wichtigsten Tugenden, um hier zurecht zu kommen: „Früh aufstehen, pünktlich und ordentlich sein.“ Wenn man das schaffe, ist er überzeugt, dann könne man in der neuen Heimat auch zurecht kommen.

Kleine Frotzeleien

Die Naturfreunde habe er zufällig bei einem Spaziergang entdeckt, erinnert er sich. Mittlerweile sei er Mitglied. „Margret ist eine sehr nette Frau, sie kümmert sich um mich“, lobt er die Naturfreundin Margret Hochgesandt, der so viel Lob ein bisschen unangenehm ist. Deshalb scheucht sie Ahmed auch gleich zum Weiterarbeiten, was eine kleine Frotzelei zwischen den beiden nach sich zieht. Zwischen den Zeilen klingt heraus, dass es in Sachen Gleichberechtigung noch ein wenig unterschiedliche Auffassungen gibt, aber die alten und neuen Naturfreunde scheinen einen Weg gefunden zu haben, das Thema auf eine humorvolle Art zu behandeln.

Insgesamt sind unter den 23 Helfern acht Flüchtlinge, eine sehr viel höhere Quote als der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung. Und alle, die am Samstag beim Herbstputz dabei sind, sind froh, dass das so ist.

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