Natur müsste Teil des Lehrplanes werden

Der US-Autor Richard Louv auf der Suche nach dem letzten Kind im Wald. Pflanzen und Tiere wirken wie eine Therapie

aus der Frankfurter Rundschau vom 25.8.2011

„Natur müsste Teil des Lehrplans werden“ Der US-Autor Richard Louv auf der Suche nach dem letzten Kind imWald. Pflanzen und Tiere wirken wie eine Therapie

Der US-amerikanische Umweltaktivist Richard Louv warnt: „Die Kinder von heute gehören zur ersten Generation, die ohne direkte Beziehung zur Natur aufwächst.“ Louv nennt das die Natur-Defizit-Störung. Sie habe gravierende Folgen für Körper, Seele und den nachhaltigen Umgang mit dem Planeten Erde. In dieser Woche erscheint die deutsche Übersetzung seines Bestsellers „Das letzte Kind imWald“.

Herr Louv, bei ihren Recherchen fragten Sie Kinder, warum sie nicht gern draußen spielen. Ein Junge hat Ihnen gesagt: „Weil es dort keine Steckdosen gibt.“ Eine typische Antwort?
Nein, so eine klare und direkte Antwort hat mich dann doch überrascht. Das war allerdings schon in den 80er-Jahren, als ich begann, über die fehlende Verbindung zwischen Kindern und der Natur nachzudenken. Ich befragte damals etwa 300 US-amerikanische Kinder und deren Eltern. Dieser Junge hatte in einem Satz kurz und lebendig seine Faszination für elektronische Medien zusammengefasst.

Für Sie sind die Neuen Medien der Hauptgrund, warum Kinder die Natur meiden. Heißt das schlicht:Natur ist gut, Computer sind schlecht?

Nein, überhaupt nicht! Ich glaube eher, dass die Angst der Eltern vor Gefahren die Kinder sehr viel mehr vom Spielen in der Natur abhält als elektronische Medien. Andererseits hat eine US-Studie herausgefunden, dass Kinder bis zu 50 Stunden in der Woche mit irgendeinem elektronischen Gerät verbringen. Das frisst natürlich jene Zeit auf, die sie frei in der Natur verbringen könnten. Es wäre zwar kontraproduktiv, Computer- Spiele zu verbieten. Aber es kommt auf die richtige Balance an: Je mehr wir uns mit Hightech umgeben, desto mehr Natur brauchen wir.

Sie halten Kinder, die im Wald spielen, für eine bedrohte Spezies. Ist die Entfremdung tatsächlich so weit fortgeschritten?

Das gilt natürlich nicht für alle. Und ich möchte auch betonen, dass Kinder, die in einer Stadt aufwachsen, sich nicht automatisch von der Natur entfremden. Aber lassen Sie uns realistisch sein: Im Jahr 2008 lebte mehr als die Hälfte derWeltbevölkerung in großen und kleineren Städten.Wenn diese Menschen in ihrem Alltag eine bedeutsame Verbindung zur Natur haben und bewahren wollen, dann brauchen wir eine neue und innovative Stadtplanung. In vielen Städten gibt es viel mehr Natur alsmanauf den ersten Blick erwarten könnte. Stadt und Natur – das ist kein Widerspruch. Und es gibt keinen Grund, Natur und Naturerleben immer nur in der Vergangenheit zu verorten.

Sie würden jedoch die Schulen am liebsten in den Dschungel verlegen, oder?
Nein, wir müssen die Schulen weder im Dschungel bauen noch ganze Wälder auf unseren Pausenhöfen errichten, um eine sinnvolle Verbindung zur Natur zu entwickeln. Daswäre nicht besonders praktisch und zudem auch keine Garantie für Erfolg.

Warum nicht?

Als ich 2010 eine Schule auf den Galapagos-Inseln besuchte, da lernte ich, dass diese Kinder nur sehr wenig über diese weltberühmte Region wussten. Die Schule löste das Problem, indem sie ihre räumliche Struktur für die natürliche Umgebung öffnete. Es gibt nämlich viele Wege, die Natur für den Menschen zurückzugewinnen. Und dabei sind die Tiere und Pflanzen in und um die Städte genauso wichtig wie die menschenleereWildnis.
In Deutschland lernen Kinder ziemlich viel über Abfalltrennung, erneuerbare Energien und den Klimawandel. Sie haben vielleicht weniger Naturerfahrung als früher, aber immerhin den Hauch eines ökologischen Bewusstseins.
Das ist ein guter Start, denn es ist wichtig zu lernen, dass man das eigene Nest nicht beschmutzt. In diesem Punkt ist Deutschland den USA weit voraus. Ich kenne eine ganze Reihe von deutschen Schulen mit einer natur- und umweltfreundlichen Gestaltung, die ihre Kinder das ganze Jahr dazu ermuntert, draußen zu spielen. Das sind wichtige Schritte in Richtung einer Wiedervereinigung von Mensch und Natur.

Welche Rolle spielt die Schule für die Verbindung zwischen Mensch und Natur?

Eine zentrale, wenn man bedenkt, wie viel Zeit die Kinder dort verbringen. Ich stelle mir jedoch eine Welt vor, in der neue Schulen mit Blick auf die Natur entworfen werden und in der alte Schulen so umgerüstet werden, dass die Natur als zentrales Element integriert wird.

Zum Beispiel?
Bauernhöfe könnten mit einbezogen werden, damit die Kinder Tiere und Pflanzen in ihrem Alltag erleben. Davon profitieren ja nicht nur die Schüler. Kanadische Forscher haben herausgefunden, dass auch die Lehrer mit mehr Begeisterung unterrichten, wenn sie viel Zeit in der Natur verbringen. Jüngste Studien zeigen zudem, dass Schüler ihre Leistung etwa in Mathe, den Naturwissenschaften oder im Lesen enorm steigern, wenn Naturerfahrung Teil des Curriculums ist.
Der Schulalltag sieht jedoch meistens anders aus, nämlich viel Beton und zu wenig Bewegung. Fast jedes zehnte Kind leidet unter ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts- Störung). Sie raten, diese Kinder nicht mit Medikamenten ruhig zu stellen, sondern stattdessen Natur-Ritalin zu benutzen.

Was meinen Sie damit?
Einige Forschungen deuten darauf hin, dass ein sinnvoller Naturkontakt in der ADHS-Therapie sehr nützlich sein kann und in einigen Fällen sogar Medikamente ersetzt. Die Natur kann nicht alles heilen, aber es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Aktivitäten im Grünen die Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern. Wissenschaftler der Universität von Illinois etwa haben den Einfluss der Natur auf ADHS-Kinder der Mittelschicht untersucht. Die Kinder zeigten deutlichweniger Symptome, nachdem sie sich im Grünen aufgehalten hatten. Ein Vater berichtete: „Mein Sohn kann stundenlang Golfbälle schlagen oder angeln. Während dieser Zeit ist der Junge vollkommen entspannt.“
Auch derGöttinger Hirnforscher Gerald Hüther hat ADHS-Kinder mehrere Wochen auf eine Alm geschickt, wo sie ohne Medikamente auskamen. Aber was nützt einem Hyperaktiven die intensiveNaturerfahrung,wenn er ins normale Leben zurückkehrt?
Gegenfrage:Wenn dieNaturerfahrung tatsächlich dazu führt, dass Kinder und Erwachsene sich physisch und psychisch erholen und aufmerksamer durchs Leben gehen, warum gestalten wir dann das „normale Leben“ nicht anders und binden die Natur wieder in unseren Alltag ein? Das wäre doch das Naheliegendste!

Sie berufen sich auf die Bindungstheorie, um die Bedeutung der Natur für die Kinder zu erklären. Warumglauben Sie, dass die Beziehung zwischen Kind und Natur ebenso wichtig ist wie die sichere Bindung zu Mutter und Vater?

Beides bedingt sich. Die Entwicklungspsychologin Martha Farrell Erickson hat nicht nur die Auswirkungen vom Draußen- Spielen auf dieNeugierde der Kinder erforscht, sondern auch den Effekt auf die Eltern-Kind-Bindung. Sie sagt, dass die Bilder, Gerüche und Geräusche draußen die kindliche Neugierde antreiben und die Mädchen und Jungen zu ganz aktiven Entdeckern macht. Die Eltern wiederum sagten, dass es ihnen in der Natur viel leichter fällt, ihre Kinder zu führen und auf deren Interessen einzugehen. Vereinfacht könnte man sagen: Natur kann die Familienstruktur festigen.

Viele Familien haben aber kaum Möglichkeiten, Natur täglich zu erleben. Lässt sich diese fehlende Erfahrung durch etwas anderes kompensieren, etwa durch Fußballtraining oder andere Sportarten?

Sport und Wettkampf sind natürlich wichtig für das Sozialverhalten und die Gesundheit der Kinder. Wobei man einschränkend sagen muss, dass zumindest inNordamerika die Zahl der übergewichtigen Kinder genau in jenen Jahrzehnten gestiegen ist, in denen auch der organisierte Sport boomte. Letztlich kann nichts das freie Spielen der Kinder ersetzen, vor allem nicht das ungebundene Spielen in der Natur.

Was raten Sie geplagten Eltern, die Ihre Kinder nicht vor die Tür kriegen?
Kreativ sein! Sie könnten zum Beispiel anstatt ständig neues Spielzeug zu kaufen, eineWagenladung Erde, Schaufel und Eimer besorgen. Sie werden sehen: Die Phantasie der Kinder kann einen Haufen Dreck in eine magische Welt verwandeln. Das

Interview führte: Katja Irle

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