aus dem Rüsselsheimer Echo vom 5.6.2013:

Aus der Erinnerung verschwunden
 

Naturfreunde – Nach der Auflösung durch die Nazis gingen auch Dokumente zur
Rüsselsheimer Gruppe verloren
 

Das Jahr 1933 markiert den Beginn der Nazi-Herrschaft in Deutschland mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar. Aus Anlass des 80. Jahrestags wird in diesem
Jahr an die Folgen der Machtergreifung erinnert. Auch die Naturfreunde spürten die neuen Verhältnisse sehr schnell.

Der Ortsverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) erinnerte in Rüsselsheim daran, wie die organisierte Arbeitnehmerschaft die Machtergreifung zu spüren bekam. Denn auf den erstmals zum Feiertag erklärten „Tag der Arbeit“ folgte am 2. Mai die Beschlagnahme des Volkshauses in der Rheinstraße, in dem Arbeitervereine wie Metallergewerkschaft ihr Zentrum hatten. Statt der freien Gewerkschaft bezog dort die Deutsche Arbeitsfront ein Büro.
 

Verbot trifft Naturfreunde am 6. Juni 1933

Unter diesen Ereignissen litten unter anderen Gruppen auch die Rüsselsheimer Naturfreunde, die ihren Treffpunkt dort im obersten Geschoss des „Turms“ als Mittelstück des 1930 eingeweihten Gebäudes hatten, aber auch Räume in der Parkschule nutzen konnten. Da diese Ortsgruppe 1925 auch aus der Arbeiterbewegung heraus entstand, wurde sie in die Vereinsund Parteienverbote der Nazis einbezogen. Am 6. Juni 1933 wurde die Auflösung verfügt. Allerdings hatte sie keine größeren Vermögensverluste zu beklagen, da sie keine eigene Liegenschaften besaß.
 

Dennoch bleibt dieser Akt der damaligen Machthaber für die Rüsselsheimer Ortsgruppe bis heute schmerzhaft. Denn: „Alles Material verschwand, und heute weiß niemand mehr, wo es geblieben ist“, so notierte es Willi Wohlfeil 1985, als die Naturfreunde zu ihrem sechzigjährigen Bestehen Zeitzeugen befragten. Wohlfeil war damals letzter lebender Mitgründer der Ortsgruppe. Somit kann auch nichts über den Werdegang ihrer Mitglieder während der Nazi-Diktatur ausgesagt werden. Immerhin erhalten blieb der Antrag auf Wiederzulassung bei den Militärbehörden in Groß-Gerau, der auf Dezember 1945 datiert.
Die Rüsselsheimer können zumindest auf ihre Nachbargruppe in Königstädten verweisen, die um 1928 gegründet wurde, nach 1945 aber nicht mehr erwähnt wird. Der Verweis ist in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Denn in dem damals noch selbstständigen Ort (1956 eingemeindet) hatten die Verbandsfreunde ein eigenes Heim, von dem sogar ein Foto existiert. Es lag auf einer Wiese am Schwarzbach, „von uralten Eichen- und Buchenbeständen umrahmt“. Heute ist es Vereinssitz und Spielstätte des Sportvereins Alemannia 07 Königstädten. Im Verbandsorgan „Luginsland“  wurde 1932 dazu mitgeteilt, dass es jetzt gelungen sei, „trotz größter finanzieller Schwierigkeiten, unser Wald- und Jugendheim fertigzustellen. Es besitzt einen sechs mal sechs Meter großen Aufenthaltsraum und einen hellen, gut ausgestatteten Schlafraum für 25 bis 35 Personen“.

Eingeweiht sollte es 1933 werden, „der Not entsprechend verschoben“. Ob dies unter Obmann Philipp Mitzkat gelungen ist, ist nicht bekannt. In der Ausgabe 2/33 des „Luginsland“ wird in einer weiteren Mitteilung nicht mehr davon gesprochen. Dafür findet sich ein Hinweis, der nachdenklich macht: Besuche des Wald- und Jugendheims sollten beizeiten erfolgen – „der schlechten Postverhältnisse wegen“. Lange erfreuen konnten sich die Naturfreunde ihres Treffpunktes ohnehin nicht. Offenbar schon vor dem 1. Mai wurde es vom Leiter der „Christlichen Jugend“, einem führenden SA-Mann, beschlagnahmt. Denn zur Maifeier fuhren die Königstädter zum letzten noch nicht enteigneten Naturfreundehaus im Kreis nach Stockstadt.

Dokumente im Stadtarchiv?
Über Entwicklung und Schicksal dieser Naturfreunde-Ortsgruppe könnte wahrscheinlich das Archiv von Karl Walther nähere Auskünfte geben. Da er es aber dem Stadtarchiv vermacht hat, ist es derzeit nicht einsehbar. Dafür liegen Daten aus anderen Quellen zu einer weiteren Bedeutsamkeit im Zusammenhang mit den Königstädter Naturfreunden vor: Deren einstiges Mitglied Friedrich Grünewald ehrte die Initiative „Rüsselsheim setzt Stolpersteine“ mit einem solchen Symbol. Früh Arbeitersportvereinen, Gewerkschaft und Naturfreunde beigetreten, wurde er für die KPD aktiv. Er steht für einen Arbeiter, der sich von den braunen Machthabern nicht einschüchtern ließ. Folter, Zuchthausstrafe und Einsatz im Strafbataillon, aus dem er desertierte, überlebte er. Er engagierte sich kommunalpolitisch gleich nach dem Krieg und wurde Polizeibeamter.

Das Naturfreundehaus in Königstädten: In dem damals noch selbstständigen Ort hatten die Verbandsfreunde ein eigenes Heim. Es lag auf einer Wiese am Schwarzbach, „von uralten Eichen- und Buchenbeständen umrahmt“, wie es in einem Hinweis der Rüsselsheimer Nachbarorganisation hieß. Das Foto ist undatiert, müsste aber gegen Ende der zwanziger oder Anfang der dreißiger Jahre entstanden sein.
Artikel und Bild Repro: Ernst Eelmae, Rüsselsheimer Echo vom 5.6.2013